VON CURRYWURST BIS STERNEKÜCHE
Der Essener Koch Matthias Ruta über die neue Ruhrgebietsküche
Essen - obwohl es der Name nahelegt, verbinden wohl die wenigsten die Kulturhauptstadt 2010 primär mit gutem Essen. Doch kulinarisch bietet die Metropole Ruhr viele Überraschungen. Die Dichte der Gourmettempel in der Region ist beachtlich, die hervorragende Qualität der Currywurst Ehrensache. Das gastronomische Angebot lebt von Gegensätzen. Denn durch die vielen unterschiedlichen Einflüsse ist die Ruhrgebietsküche buchstäblich ein "Melting Pot".
Matthias Ruta vor dem Symbol seiner Vaterstadt Essen. Foto: reiseWELT Magazin
Herbert Grönemeyer hat sie besungen und auch ein Koch, der Hummer und Doraden leid ist, gerat ins Schwärmen: Die Currywurst ist im Ruhrgebiet eine emotionale Angelegenheit. "Die Wurst muss knackig sein, nicht gebrüht, sondern gebraten, die Sauce kräftig und nicht wässrig." Matthias Ruta weiß, wie eine Portion Glück beschaffen sein muss. "Für die Currywurst fahre ich bis Bochum, zu Dönninghaus", verrät der gebürtige Essener. Die vielleicht berühmteste Currywurst des Ruhrgebiets aus der Fleischerei Dönninghaus wird zum Beispiel am Bochumer Bermuda-Dreieck verkauft.
Besucher sollten sich aber auf alle Falle die Zeit nehmen, auch jenseits des Fast Food in die Töpfe des Ruhrpotts zu gucken. Dabei gibt es "die" Ruhrgebietsküche eigentlich gar nicht, in der Region wird rheinisch und westfälisch gekocht. Zwischen Duisburg und Hamm, Marl und Hagen kamen traditionell Gerichte wie Grünkohl mit Mettwurst, Stielmus mit verlorenen Eiern und Panhas mit Rübenkraut und Stampfkartoffeln auf den Tisch. Eine Eigenheit ist die Bergmannsküche, Proviant für die Arbeit unter Tage. "Kniffte" heißt die Stulle der Bergleute, die heute in verfeinerter Form auch in der Spitzengastronomie serviert wird.
URIGES FLAIR
Wer eine sehr ursprüngliche Seite des Reviers kennenlernen möchte, sollte Ruta am Abend in die älteste Kneipe Essens folgen. "Die Ampütte" im Stadtteil Rüttenscheid www.musicforum-essen.de ist nicht nur wegen der rustikalen Einrichtung und der bodenständigen Küche legendär, sondern auch wegen des oft eigentümlichen Publikums. "Pott pur", versichert TV-Koch Ruta. Während die Gäste in der Kneipe genießen, dass die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, lockt in Restaurants die kreative Weiterentwicklung der regionalen Küche. Fundament ist für Ruta die Rückbesinnung auf die Wurzeln, wie sie auch bei ihm nach Stationen in der Schweiz, in der Türkei, in Spanien, Tunesien und Portugal stattfand.
In Gelsenkirchen betreibt der gelernte Koch und Konditor eine Kochschule www.matthias-ruta.de. In seinen Kinderkochkursen vermittelt der Vater zweier Töchter die Qualität unverfälschter Zutaten und den Spaß am Kochen. Auch Seminare zum Thema "Ruhrgebietsküche" bietet der 43 - Jährige an. Das Interesse an der heimischen Küche ist seiner Erfahrung nach allerdings geringer als die Faszination für exotische Rezepte. "Die traditionelle Ruhrgebietsküche halten viele für altbacken." Gegen dieses Image kämpft ein Verein von rund 20 ambitionierten Köche der Region, zu denen Ruta gehört.
Der "FC Ruhrgebiet" www.fcruhrgebiet.de hat sich die Pflege und Weiterentwicklung der Ruhrgebietsküche auf die Fahnen geschrieben. Regionale Klassiker und die Einflüsse aus der heutigen multikulturellen Gesellschaft der Ruhrmetropole verschmelzen zu Kreationen wie Carpaccio vom Eisbein oder Blutwurst - Ravioli. Schließlich finden sich in den Kochtöpfen des Ruhrgebiets Einflusse aus 170 Nationen.
IN INDUSTRIEKULTUR SCHWELGEN
Curry-Kokossuppe mit Hähnchenstick, Macadamia-Kuchen und Parfait mit bengalischem Pfeffer zeugen von kulinarischer Experimentierfreude. Rutas Lieblingsrestaurant, das Casino auf Zeche Zollverein, wartet mit dem spektakulären Ambiente einer modern eingerichteten alten Kompressorenhalle auf und bietet eine originelle "New World Cuisine". Auch für einen Ausflug in die Sterneküche an der Ruhr hat Ruta einen unkonventionellen Tipp: "Wem es in der gehobenen Gastronomie oft zu steif zugeht, der wird sich im 'Goldenen Anker' wohlfühlen." In einem historischen Giebelhaus in der Innenstadt von Dorsten verbindet Chefkoch Björn Freitag aus der Riege der "Jungen Wilden" alt und neu in Perfektion, was im "Guide Michelin" mit einem Stern belohnt wird www.bjoern-freitag.de. Auf der Speisekarte: gebratene Wachtelbrust und Entenleber mit flüssiger Blumenkohlpraline, Müritzlamm aus dem Heu mit Erbsenpüree und Minzöl ... Noch Zweifel an der neuen Ruhrgebietsküche?
Print - Quelle - reiseWELT Magazin 11.2009 - www.reisewelt2010.de
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