Herr Rüttgers und seine Charme-Offensive

Bochum. Der Ministerpräsident bereist das Revier. Die Charme-Offensive führt ihn schließlich direkt zum Herz des Ruhrgebiets: in den Frittentempel. Aber das habe natürlich alles nichts mit Politik zu tun – sagt die Politik.

Dass irgendwas sich anbahnte, erkannte Robert Giese schon vor Tagen, als der Teil des Stadtparks, an dem er wohnt, jäh einer Säuberung unterzogen wurde. Vor zehn Jahren war das nämlich schon mal so, „und damals kam der Biedenkopf im Hubschrauber aus Sachsen”.

Wie sich gleich zeigen wird, hat der 78-Jährige die Renovierung der Rabatten völlig korrekt interpretiert, denn schon biegt Jürgen Rüttgers um die Ecke. Er beginnt hier einen „Stadtspaziergang”, wie er diese Woche vier macht im beginnenden Sommerloch, und das ist eigentlich ein unmögliches Ereignis: Denn einerseits hat die Staatskanzlei die Presse zu dem Spaziergang eingeladen, und andererseits sagt ein nicht zitierfähiges Mitglied derselben: „Er will nur Dinge sehen, die er vom Auto aus sonst nicht sehen kann. Das hat nichts mit Politik zu tun.” Nein, natürlich nicht.

Jürgen Rüttgers mit Currywurst. Quelle: dpa

Starlight und Currywurst
Zweieinhalb Stunden werden sie durch Bochum laufen, zehn Leute vielleicht aus der Staatskanzlei, zehn aus der Bochumer Politik, Jürgen Rüttgers (CDU) und die Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) vorneweg; und dass das nichts mit Politik zu tun hat, zeigt sich schon daran, dass den Fotografen sich folgende Motive bieten: Rüttgers steht dicht gedrängt in der U-Bahn, Rüttgers besucht Starlight, Rüttgers isst Currywurst, Rüttgers winkend, Rüttgers mit Kindern; eigentlich verpasst die Regie nur eine Chance, als die Gruppe achtlos vorbei zieht an den großen Augen der sympathischen Tiere eines kleinen Zirkus'. Man darf wohl unterstellen, die waren einfach noch nicht da, als die Route geplant wurde.

Und so laufen und plaudern sie, und Ottilie Scholz, die ihren Urlaub für diesen einen Tag unterbrochen hat, bringt das eine oder andere Thema an, das Bochum am Herzen liegt. Staatstheater, Konzerthaus, Bio-Medizinpark, Nokias Nachwehen . . . „Ich glaube, Bochum ist schon ein gutes Stück vorangekommen”, wird Rüttgers später sagen; Anfang der Woche klang seine Entsprechung beim Spaziergang durch Solingen so: „Hier sind große Fortschritte erzielt worden.” Offenbar: Der Mann ist ein höflicher Gast und übt sich als lobender Landesvater, da ist er ganz Johannes Rau. Und gar nicht Wolfgang Clement (SPD), der auch schon als Ministerpräsident durch sein Land lief und zum Start Sätze sagte wie: „Ich bin gut drauf, darauf müssen Sie sich einstellen”. Die wurden freilich eher als Drohung empfunden.

"Was machen die Geschäfte?"
Aber das war im Jahr 2000, jetzt ist 2008, und überhaupt die Uhrzeit weit fortgeschritten: Hastig geht es noch durch ein Modehaus, man touchiert die Dessousabteilung auf der Suche nach Höherem: dem Mantel einer Fliegerbombe, die sie hier aufheben unter dem Dach. „Sonst, was machen die Geschäfte?”, fragt Jürgen Rüttgers den Inhaber, aber dann muss er wirklich los. Ottilie Scholz schenkt ihm noch rasch ein Buch: Bochum.

Ach, ein Foto war vorher noch entstanden: in der Suppenküche. Rüttgers sprach dort mit armen Leuten, aber auch mit den Gründern, und überreichte ihnen eine Spende aus Landesmitteln von 2000 Euro, was hier für etwa 20 Tage Mittagessen reicht. Im Ablaufplan der Landesregierung („Nur für den internen Dienstgebrauch!”) steht dazu: „Ein Scheck in DIN-A 3-Format liegt bereit.” Einen Scheck in dem Format akzeptiert natürlich keine Bank der Welt, es ist einfach eine Größe, in der man die gute Tat gut erkennen kann – für den unwahrscheinlichen Fall, dass die eingeladenen Fotografen fotografieren sollten. Aber das hat nichts mit Politik zu tun. Am Freitag (11.7.) hat es in Mülheim auch nichts mit Politik zu tun. „Zur Berichterstattung . . . sind Sie herzlich eingeladen”, schreibt die Staatskanzlei.

Print - Quelle - 10.07.2008 - WAZ - Hubert Wolf

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