Stimmliches Geknödel

Currywurst bis Kritik: Herbert Grönemeyer hat für jeden etwas im Angebot. Er kann zwar nichts, macht aber alles richtig. Sein Konzert in Bochum war ein Heimspiel: Der Lieblingspiefke der Nation lockte 30 000 Fans.

Er ist ein deutscher Popstar, kein Zweifel. Und er ist einer von den sehr wenigen, der diesen Titel wirklich tragen darf. Nicht allein als Berufsbezeichnung, wie es längst üblich geworden ist für alle, die einmal im Fernsehen singen durften. Herbert Grönemeyer hat 17 Millionen Platten verkauft. Allein 3,5 Millionen Mal die vorletzte: "Mensch". Und das gerade erschienene Album "12" wird die Statistik noch um ein paar Millionen nach oben korrigieren. Die laufende Tournee findet ausschließlich in ausverkauften Stadien statt. Sei es in Leipzig, Wien, Stuttgart oder Gelsenkirchen, wo am vergangenen Wochenende zweimal die riesige Arena auf Schalke voll war. Zweimal 55 000 Zuschauer. Wenn man am Montag in Grönemeyers Heimatstadt Bochum herumfragte, hatten ihn eigentlich alle schon live gesehen. Trotzdem war das örtliche rewirpower-Stadion am Abend voll. Es ist nicht ganz so groß, wie der neue Prunkbau im Nachbarort, aber 30 000 passen schon rein. 30 000! Und alle waren sie wieder hingerissen. Aber warum eigentlich?

Herbert Grönemeyer im früheren Ruhrstadion in Bochum. Foto: AP / Volker Wiciok

Roboterhaftes Rumgezucke

Die Wahrheit ist auch: Der Mann hat eigentlich nichts, was einen echten Popstar auszeichnen sollte. Dass er nicht singen kann zum Beispiel, darüber war man sich über die Jahre, eigentlich von Anfang an, einig. Gibt er ja selber zu. Die Standardantwort, ganz locker aus der Hüfte, lautet in Interviews: "Da haben Sie auch wieder recht. Ich kann nicht anders. Ich bin halt ein manischer Sänger." Oder die Stimme. Geschenkt. Dieses Knödelige, Gepresste, Eruptive. Als ob da vor allem erstmal was raus müsste - aber nichts, was in erster Linie auf, sagen wir: konventionellen Wohlklang aus wäre.

Eine echte Schönheit, geschweige denn ein, nun ja, lässiger Hund, ist der mittlerweile Einundfünfzigjährige auch nicht. Die Musik? Synthesizer-Orgien mit gutmenschelnden Texten. Und tanzen - tanzen kann er wohl am wenigsten. Oder was soll das sein: dieses roboterhafte Rumgezucke, der angetäuschte Moonwalk oder - neu! - der ironische, Shakira'eske Hüftwackler ganz vorne auf dem fünfzig Meter langen Steg, der von der Bühne bis zum Anstoßpunkt mitten in die Masse führt?

Gruß von der Laderampe

Was ist also dran an Herbert Grönemeyer? Wenn man sich in Bochum auf die Suche einer Antwort macht, dann landet man zuerst bei Elli Altegoer in der Königsallee. Vielmehr: in ihrem kleinen Kiosk und Tante-Emma-Laden, der aussieht, wie Kioske aussehen, wenn sie seit vierzig Jahren nicht verändert wurden. Kasse, Theke, Brause. Elli trägt einen weißen Kittel und antwortet auf die Frage, ob das wirklich stimme, was alle in der Stadt sagen, dass der große Grönemeyer immer hier in ihren kleinen Laden kommt, wenn er in Bochum ist: "Is' immer noch'n Bochumer." Seine Mutter wohne hier ja noch.

Auf dem Foto über der Tür lächelt der Bochumer sehr freundlich mit Elli um die Wette. Von der Königsallee heißt es in "Bochum", Grönemeyers berühmter Hymne auf die Stadt aus den achtziger Jahren, dass auf ihr keine Modenschauen veranstaltet würden. Man kann sich das tatsächlich schwer vorstellen, vor allem an der Stelle der Straße, wo sich Ellis Kiosk befindet. Aber nicht weil es hier so ausnehmend hässlich ist. Überhaupt nicht. Zwischen vielen hohen Laubbäumen stehen gemütliche Mehrparteien-Häuser aus rotem Klinker. Keine grauen Bergbausiedlungen.

In den achtziger Jahren, als Grönemeyer berühmt wurde, waren die Bochumer Zechen längst abgewickelt. Der Kiosk liegt im Parterre in einer ganz normale Mittelklasse-Wohngegend einer westdeutschen Universitäts-Großstadt. Den Tipp mit Elli hatte einer der Bühnentechniker an der Laderampe des Schauspielhaus gegeben. Das Schauspielhaus, eines der wirklich berühmten Theater der Republik, ist die andere Seite des Phänomens Grönemeyer.

"Köre-iiii-wuähss" und religionskritische Wortmeldungen

Es liegt auch an der Königsallee, von Ellis Kiosk zu Fuß fünfzehn Minuten stadteinwärts, und ist ein schöner Klinkerbau aus den Fünfzigern, vielleicht etwas überdimensioniert in der Gegend, aber gut, es geht schließlich um Hochkultur. Am Schauspielhaus machte ihn Peter Zadek Mitte der siebziger Jahre, noch vor dem Abitur am Gymnasium am Ostring, zum musikalischen Leiter, hier schrieb er Bühnenmusiken zu Shakespeares "Kaufmann von Venedig" oder zur Erstaufführung von "Groß und klein" von Botho Strauß.

Zadek ermunterte Grönemeyer, es als Schauspieler zu versuchen. Auftritte im Deutschen Schauspielhaus und an der Berliner Volksbühne folgten. Bei Elli kam er trotzdem immer wieder vorbei. Die Nächte verbrachte er weiter gern im Intershop. Auch den gibt es noch im Bochumer Bermudadreieck, dem großen Kneipenviertel in der Innenstadt, auch nicht weit vom Theater. Er sieht wohl nicht mehr aus wie in den Siebzigern - aber auch nicht viel anders. Viel Chrom und Fußball: Live! Für sein Bier wirbt es auf einem Din-A-4-Blatt im Fenster mit den Worten: "Man kann sich alles schön trinken - außer Bier."

Der Mann hat irgendwie für alles etwas übrig, weshalb alle was für ihn übrig haben. Die Quatsch-Hits wie "Currywurst" - genauer: "köre-iiii-wuähss" - stehen deshalb so gut neben religionskritischen Wortmeldungen wie "Stück vom Himmel" vom neuen Album. Das Muster ist überall im Grönemeyer-Universum zu finden. Nicht zuletzt sogar in der Art, wie sich Grönemeyer gerade beim G-8-Gipfel in Heiligendamm präsentiert hat, gegen die Armut in Afrika.

Die ausdauernde, populäre Politikerschelte, in den Tagesthemen platziert, hält ihm auch den Rest des Publikums gewogen: "Ich traue Politikern nicht. Die wollen sich nur mit einem schmücken, das ist für mich nur vergeudete Zeit." Es kommt vor, dass er im Gespräch in einem Moment sagt, es werde seinen Liedern manchmal zu viel zugemessen, um im nächsten Moment zu beteuern, sicher, er gehe der Botschaft nicht aus dem Weg. Vorwerfen sollte man ihm das nicht. So geht es eben dahin.

Unser Lieblingspiefke

Der Sound dazu ist perfekt ausbalancierter Mainstream-Poprock, erwartbare Variation in Perfektion. Das ist im Grunde das Grönemeyer-Erfolgs-Geheimnis. Das Konzert in Bochum bewies das eindrücklich. Fünf Geigen, ein Cello waren mit dabei, Schlagzeug, ein Saxophon für schmissige Solo-Einlagen, ein Bass, zwei Gitarristen an sämtlichen berühmten Gitarrenmodellen der Rockgeschichte (und ihren entsprechend "legendären" Sounds), ein Keyboarder - und eben Herbert am Balladen-Piano. Klimper, klimper.

Die Stimme ist nicht das Problem, sondern genau das Quentchen schräger Unverwechselbarkeit, weshalb man ihm auch gerne den Kumpel abnimmt. Der Herbert, n'Bochumer. Die Kommunikation mit dem Publikum muss deshalb auch genau so sein: "Klasse!" - "Dankeschön!" - "Sehr schön!" - "Vielen Dank!" - "Wunderbarer Abend!" In der Lokalzeitung steht, die Grönemeyer-Ansagen klängen immer so, als würde man bei der Bundeswehr vom Spieß gelobt. So ist es. Kopf hoch! Tanzen! Bochum! Hin und her zwischen Schauspielhaus und Stadion, das früher mal Ruhrstadion hieß. Es kann kein Zufall sein, dass man in Bochum dabei unweigerlich an der berühmten Currywurstbude von Dönninghaus vorbeikommt. Unser Herbert.

P.S.: Eva Marie Josefine aus Wien schreibt gerade im Gästebuch der Grönemeyer Seite im Netz: "Sehr geehrter Herr Grönemeyer! Da wir (ein paar ältere Damen, alle über 45) Ihre Musik, Wortkunst, Lebenseinstellung und Person sehr schätzen, würden wir gerne einen Vorschlag an Sie herantragen! Da Sie einen guten Überblick über fast alle Lebenslagen haben, wie wäre es einmal mit Tieren? Es beginnt beim Papagei (50 Jahre in einem kleinen Käfig) und geht bis zu Elefanten, Hühnerlegebatterien, Walfängen, Tiertransporten etc. Ein kleines Liedchen von IHNEN würde die Menschheit etwas aufrütteln. WIR sind überzeugt, SIE (Wer sonst?) könnten das! Sie sind nicht umsonst unser ,Lieblingspiefke‘, weil Ihr Gehirn richtig tickt! Liebe Grüße von uns allen."

Print - Quelle - 13.06.2007 - Süddeutsche Zeitung - Jens-Christian Rabe

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